Geschichte des Instituts

Die Geschichte des Instituts ist eng mit den akademischen Traditionen verbunden, die sich seit dem 19. Jahrhundert in München entwickelt haben. Ausgehend vom Kernbereich Sanskrit differenzierten sich die Forschungsfelder zunehmend aus und spiegelten die Spezialisierungen der jeweiligen Lehrstuhlinhaber wider.

Die Anfänge: Indologie und Indogermanistik

Der erste Vertreter der Orientalistik und der Sanskrit-Studien an der Universität war Othmar Frank (1770–1840). Nach seiner Lehrtätigkeit in Würzburg von 1821 bis 1826 wurde er von König Ludwig I. berufen, als die Universität von Landshut nach München verlegt wurde. Dort lehrte er bis zu seinem Tod im Jahr 1840. Frank ist bekannt für die Veröffentlichung einer Sanskrit-Chrestomathie (München 1820/21) und der ersten Sanskrit-Grammatik in Deutschland (Würzburg 1823). Die offizielle Gründung des Instituts datiert auf das Jahr 1868, als unter König Ludwig II. ein „Lehrstuhl für Sanskrit und Vergleichende Sprachwissenschaft“ eingerichtet wurde. Der König berief Martin Haug (1827–1876), der zuvor mehrere Jahre in Indien verbracht hatte, auf diese neu geschaffene Position. Im Jahr 1877 erfolgte die Umbenennung in „Lehrstuhl für arische Philologie und vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft“. Ernst Kuhn (1846–1920) trat die Nachfolge Haugs an und hatte den Lehrstuhl bis 1919 inne. In seine Amtszeit fällt auch die Gründung der Institutsbibliothek, die damals als „Orientalistische Seminarbibliothek“ bekannt war. Kuhn und insbesondere sein Nachfolger Wilhelm Geiger (1856–1943; Lehrstuhl 1920–1924) etablierten die Pāli-Studien am Institut. Geiger, der Sri Lanka mehrfach bereist hatte, erschloss die buddhistische Pāli-Literatur als zentrales Forschungsfeld. Durch seine Texteditionen leistete er Pionierarbeit und führte die von Kuhn begonnenen Studien fort. Neben der Verfassung einer maßgeblichen Pāli-Grammatik und wegweisenden Arbeiten zur buddhistischen Geschichtsschreibung Ceylons zeichnete er sich zugleich als herausragender Sanskrit-Gelehrter aus. Mit der Berufung von Hanns Oertel (1868–1952) im Jahr 1925 hielten die vedischen Studien Einzug in München. Oertel, der in Yale bei William Dwight Whitney studiert hatte, spezialisierte sich auf die Syntax der vedischen Prosa und verfasste bedeutende Werke zu diesem Thema, insbesondere seine Edition, Übersetzung und Studie des Jaiminīya-brāhmaṇa.

Weiterlesen: Festschrift zum Gedenken an Haug – Feier in Ostdorf (PDF, 28.077 KB).

  1. Königlicher Erlass zur Einrichtung des Lehrstuhls
  2. Prof. Martin Haug
  3. Prof. Ernst Kuhn
  4. Prof. Wilhelm Geiger
  5. Prof. Wilhelm Geiger

Königlicher Erlass zur Einrichtung des Lehrstuhls

Prof. Martin Haug

Prof. Ernst Kuhn

Prof. Wilhelm Geiger

Prof. Hanns Oertel

Während Oertels Nachfolger Walther Wüst die Tradition der vedischen Studien fortsetzte, war seine Amtszeit durch den Aufstieg der NSDAP und die damit einhergehenden Umstände schwer belastet. Wüst war überzeugter Nationalsozialist und trat im Mai 1933 der Partei bei. 1934 schloss er sich dem NS-Lehrerbund an und 1937 der SS, in der er bis 1942 den höchsten nicht-militärischen Rang („Oberführer im Persönlichen Stab des Reichsführers SS“) erreichte. Neben seinen Parteifunktionen übernahm Wüst einflussreiche Positionen in verschiedenen nationalsozialistischen Universitätsorganisationen. Ab 1937 leitete er die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe. 1941 wurde er Rektor der Universität München (LMU). In seine Amtszeit fielen die Verhaftung und Hinrichtung der Geschwister Scholl, die der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ angehörten. Nach dem Krieg wurde er verhaftet, 1946 von der LMU entlassen und 1949 als „Belasteter“ eingestuft.

Weiterlesen: Junginger 2008 (PDF, 1.158 KB); Junginger 2017 (PDF, 111 KB).

Wiederaufbau nach dem Krieg, Expansion und Diversifizierung

Nach Wüsts Entlassung wurde sein Vorgänger Hanns Oertel für drei Jahre erneut eingesetzt (1946–1948). In der Nachkriegszeit wurde der Name des Instituts in „Institut für Indologie und Iranistik“ geändert. Mit der Berufung von Helmut Hoffmann (Lehrstuhl 1948–1968) wurde das Forschungsspektrum des Instituts um die Tibetologie erweitert. Sein 1956 veröffentlichtes Buch Die Religionen Tibets galt lange Zeit als Standardwerk. Zudem spielte er eine wichtige Rolle bei der Initiierung des tibetisch-deutschen Wörterbuchprojekts an der Akademie. Dieter Schlingoff (Lehrstuhl 1972–1996) war durch die Göttinger Schule der zentralasiatischen Sanskrit-Handschriftenkunde geprägt und auf die Rekonstruktion verlorener buddhistischer Literatur spezialisiert. In seiner Münchner Zeit wandte er sich zunehmend der buddhistischen Erzählkunst und materiellen Kultur zu – vor allem den Höhlen von Ajanta. Damit führte er die Tradition der indischen Kunstwissenschaft am Institut ein, was 1978 zur Berufung von Gritli von Mitterwallner als Professorin für Kunstgeschichte und Archäologie des indischen Subkontinents beitrug. Unter Schlingloff diversifizierte sich das Institut weiter, indem temporäre Stellen für Tibetologie (Friedrich Wilhelm) und für mittelindische Sprachen (Adelheid Mette (PDF, 1.280 KB)) eingerichtet wurden.

Anschließend knüpfte Jens-Uwe Hartmann (Lehrstuhl 1999–2018) an die Tradition der Erforschung zentralasiatischer Sanskrit-Handschriften an. Sein Fokus lag dabei auf kanonischen buddhistischen Schriften, wie den Dīrghāgama-Handschriften, sowie auf klassischer Poesie, wobei er die tibetischen Parallelen, etwa bei Mātṛceṭas Varṇārhavarṇastotra oder den Werken Aśvaghoṣas, intensiv einbezog. Im frühen 21. Jahrhundert wurde eine Professur für Moderne Indologie ( Robert Zydenbos) eingerichtet, 2003 folgte eine drittmittelfinanzierte Professur für Tibetologie und Buddhistische Studien ( Franz-Karl Ehrhard) und 2008 wurde das Institut schließlich in „Institut für Indologie und Tibetologie“ umbenannt. Mit seiner über 150-jährigen Geschichte bietet das Institut heute einen Lehrplan an, der umfangreicher und vielfältiger ist als je zuvor.

Weiterlesen: Wilhelm 2007 (PDF, 2.424 KB); Wilhelm 2012 (PDF, 975 KB).

Professuren (1868 bis heute)

1868–1876: Martin Haug (30/01/1827–05/06/1876)

1877–1919: Ernst Kuhn (07/02/1846–21/08/1920)

1920–1924: Wilhelm Geiger (21/07/1856–02/09/1943)

1925–1935: Hanns Oertel (20/04/1868–07/02/1952)

1935–1945: Walther Wüst (07/05/1901–21/03/1993)

1946–1948: Hanns Oertel (20/04/1868–07/02/1952)

1948–1968: Helmut Hoffmann (24/08/1912–08/10/1992)

1972–1996: Dieter Schlingloff (24/04/1928–)

1999–2018: Jens-Uwe Hartmann (08/01/1953–)

2022–: Vincent Tournier (24/04/1982–)

1906–1920: Richard Nathan Simon (10/09/1865–17/08/1934), Indische Philologie

1901–1916: Lucian Scherman (10/10/1864–29/05/1946), von 1916 bis 1933 o.Prof. "für die Völkerkunde Asiens mit besonderer Berücksichtigung des indischen Kulturkreises"

1969–1998: Friedrich Wilhelm (12/04/1932–), Indologie und Tibetologie

1978–1991: Gritli von Mitterwallner (03/10/1925–12/07/2012), Indologie, Kunstgeschichte, Archäologie

1980–1988: Adelheid Mette (12/12/1934–03/03/2023), Mittelindische Sprachen

2000–2023: Robert Zydenbos, Moderne Indologie

2003–2019: Franz-Karl Ehrhard, Tibetologie

2005–2015: Monika Zin (1957–), Kunstgeschichte

2012–: Petra Maurer, Tibetologie

2014–: Johannes Schneider, Indologie

2024–: Marta Sernesi, Tibetologie und Buddhistische Studien

2024–: Jörg Heimbel, Tibetologie und Buddhistische Studien

2025–: Simon Cubelic, Moderne Indologie

2025–: Jonathan Silk, Buddhistische Studien